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Ein Nachruf auf Lucas

Lucas war ein Esel, ein kleiner, schwarzer, mit weißer Nase und weißem Bauch. Er hatte krumme Füße und war zu wenig zu gebrauchen..... aber er war auch unglaublich nett. Er bewachte den ganzen Monte, nicht nur, indem er Signal gab, wenn etwas nicht stimmte, sondern er stürzte sich auch leibhaftig auf Feinde. Er verteidigte seine Stuten, auch gegen viel größere Tiere. Er hat alle meine Fohlen beschützt, erzogen und trainiert. Auch Zita hatte, leider viel zu kurz, noch das Vergnügen, ihn kennenzulernen. Lucas durfte bei fast allen der großen Wallache mit fressen, er integrierte den schusseligen Quentin in die Gruppe, er war der alternden Tallinn ein treuer Freund, er spielte mit Hunden und ließ kleine Zicklein auf sich herumspringen, auch ein Huhn durfte ihn reiten, kleine Kinder sowieso. Er ging freundlich und neugierig auf alle und alles zu und half so scheuen oder traumatisierten Pferden, wieder Vertrauen zu gewinnen, und auch Menschen, die Angst vor Pferden hatten, konnten sich mit seiner Hilfe an die größeren Tiere herantasten. Er war zwar auch eigensinning, ja stur, was ihn aber nur um so liebenswerter machte. Und außerdem hat er meiner Mutter das Leben gerettet!

 
An dieser Stelle werde ich so nach und nach seinen ganzen Werdegang schildern, teilweise untermalt mit alten Fotos. Endlich habe ich auch einen Scanner, mal sehen, wie die uralten Fotos rauskommen.....

 

Wie alles anfing......

1987: Ich hatte Monte Alto schon gekauft, hatte aber, nach Betrügereinen meines Maklers und meiner Anwältin, kein Geld mehr übrig für ein Haus. Also lebte ich in einem Wohnwagen mit Vorzelt, mit meiner Katze, Prinzessin Dolli. Natürlich waren auf Dauer mehr Tiere geplant, aber nicht so bald. Auf dringenden Wunsch meiner Eltern, die sich Sorgen machten, dass ich so alleine auf einem einsamen Hügel hauste, sollte wohl bald ein Hund her. Schon der 1. Versuch, auf dem Viehmarkt einen Hundewelpen zu erstehen, endete damit, dass ich an der neugekauften Hundeleine, mit neuem Hundehalsband, eine .... junge Ziege mit nach Hause brauchte. Sie war am Ende des Marktes übriggeblieben und sollte angeblich geschlachtet werden, weil sie niemand kaufte, denn ein Horn war abgebrochen. Nun ja, so kam also Penny zu uns. Schon damals zeigte sich also meine unselige Neigung, abgelehnte Tiere zu adoptieren. Seltsamerweise vertrugen sich Prinzessin Dolli und Penny recht gut, aber das musste wohl die Einsamkeit sein. Ein Hund musste ja immer noch her. Also nahm ich Makeba zu mir, ein haarloses, armseeliges Bündel, das bei Radio Lagoa in den Erdbeerfeldern gefunden worden war und über den Radiosender untergebracht werden sollte. Dolli war nun schon einiges gewöhnt und adoptierte Makeba, brachte ihr ordentlich fressen, sich putzen und Mäuse-jagen bei. Der kleine Hund war zwar bald größer als die Katze, betrachtete diese aber lange Zeit als Mutter, wollte ebenso wie die Mama auf den Schoß, auf Bäume klettern und Krallen am Baumstamm wetzen. Nur bellen und Wache halten war nicht so ihr Ding. Aber sie vertrug sich gut mit der Ziege, so dachte ich also, die Tierbelegeschaft sei vollzählig. Natürlich sollte eines Tages mal ein Pferd her, aber das konnte warten....

 

 In diesem Wohnwagen wohnte ich anfangs. Leider hatte mein Makler mich angelogen, die Stelle, an der der Wohnwagen stand, ist auf Ewas heutigem Land, bzw. auf dem Weg davor.

 

 

Makeba und Dolli sind beste Freundinnen.

In der Reitschule, Casa Pegasus in Carvoeiro, in der ich die ersten knapp 2 Jahre meiner Zeit in Portugal gearbeitet hatte, gab es ein Pferd, das ich noch gelegentlich ritt. Tivey war an ein junges Mädchen verkauft worden und stand nur noch in Pension bei Pegasus. Als seine Besitzerin nach England studieren ging, war sie froh, dass ich so 1 - 2 x die Woche reiten kam.

Baby Lucas:

Auf einem der Ausritte mit Tivey passierte es dann. Ich traf auf eine Gruppe Esel, eine kleine, graue Eselin, die an einem Baum angebunden war, und ein winziges, schwarzes Eselbaby, das an einem anderen Baum angebunden war, beide versuchten sichtlich, zueinander zu gelangen. Und noch einige andere Esel. Ich hätte am liebsten den kleinen losgemacht, aber Tivey war sehr temperamentvoll und führte sich beim Anblick der Esel ziemlich auf, also ließ ich es. Als ich etwas später einige Feldarbeiter traf, fragte ich, wem denn die Esel gehörten. Sie verwiesen mich an einen Bauernhof im Tal. Dort wandte ich mich an den Bauern und sagte ihm, dass der Kleine nicht an die Mutter käme und daher wohl Hunger litt, außerdem sei er an einem mickrigen Baum angebunden, wo er kaum Schatten habe. Der Bauer meinte nur, die Mutter sei schon mit 2 Jahren gedeckt worden, habe also das Baby mit 3 Jahren gekriegt und habe wohl deshalb sowieso keine Milch. Und der Kleine würde sowieso sterben. Ich habe den Mann ziemlich angefaucht, er solle sich gefälligst kümmern, es gäbe ja auch Ersatzmilch und da oben in der Hitze ginge er sicher kaputt. Wütend ritt ich zur Stall zurück.

Beim nächsten Ausritt traf ich wieder auf die Esel, diesmal ohne das Baby. Ich dachte, ok, er ist eben gestorben, das war ja abzusehen. Trotzdem ritt ich unter dem Vorwand, Wasser für mein Pferd zu brauchen, nochmal zum Bauernhof. Den Bauern fragte ich, ob denn das Eselchen gestorben sei. Nein, meinte er, der stünde im Stall. Ich bat, ihn sehen zu dürfen, und da stand er: an einem etwa 30 cm langen Seil an die Wand gebunden, so dass er sich nicht legen konnte, die Vorderfüßchen zusammengefesselt, kein Wasser, gehäckseltes Stroh in der Futterkrippe. Wieder fauchte ich den Bauern an, so ginge das nicht, aber der antwortete nur empört, ich hätte doch gesagt, der Esel müsse aus der Sonne und hier hätte er wenigstens zu fressen, außerdem stürbe er sowieso! Wieder zog ich wütend ab. Auf dem Heimweg fuhr ich nochmal zum Bauernhof, wo ich dem Bauern sagte, wenn der Esel sowieso stürbe, würde ich ihn mitnehmen.

 

Nun war plötzlich alles anders: nein, der Vater von dem Eselchen war der berühmte Deckesel von Porches, das kleine Elendsviech war viel Geld wert, ihm ginge es schon viel besser usw. Ich fragte, was er denn dafür haben wolle. Er wollte natürlich ein Vermögen. Ich hatte rund 300 DM bei mir, die ich ihm anbot. Er akzeptierte. Nun mussten wir den Esel in meinen Renault 5 verfrachten, was sich als absolut unmöglich erwies. Er war zwar winzig, konnte aber nicht im Stehen reisen, und hinsetzen wollte er sich nicht. Also mietete ich in Odiáxere, wo ich noch niemanden kannte, den erstbesten Laster, ein 12 m langes Ungetüm ohne Rampe, um damit den Esel zu holen. Lucas stieg anstandslos über einen Steinhaufen ein. Bei der Fahrt durch Portimão trompete er fröhlich. Auf Monte Alto sprang er von der Ladefläche.

Links: morgendliche Begrüßung zwischen Lucas, Armgard und Inge

Nun hatte ich also einen Esel. Einen Stall besaß ich nicht, Penny lebte in einer notdürftig zusammengeklopften Blechhütte, Lucas kam bei Nacht oder bei Regen unter eine Plane. Tagsüber waren beide an langen Seilen an diversen Bäumen angebunden, wo sie Gras fressen konnten. Die ersten Tage wollte Lucas nichts trinken, aber Gras und gehackten Hühnermais konnte er schon fressen. Schließlich stopfte ich ihm eine ganze Handvoll grobes Salz ins Maul, wenig später trank er dann zum 1. Mal. Noch viele Monate lang wollte er immer nur aus dem blauen Eimer trinken oder fressen, aus dem er das 1. Mal getrunken hatte.

 Unten: Inge, meine Mutter, versucht Lucas zu überreden, aus einem rosa Eimer zu trinken, während Makeba sich langweilt. Der Rohbau der Schwengelpumpe ist schon zu erkennen. Die Pumpe ist heute von dichtem Gebüsch umgeben.

 

 

 

Meine Mutter führt Lucas, ich führe Penny, Makeba läuft mit. Wir sind hier an der Stelle, wo heute Max seinen Paddock hat.

 

 
Schnell stellte ich auch fest, wie ungepflegt und verkommen der Esel war: nicht nur war er nicht entwurmt oder geimpft, was ich sofort nachholte, er hatte auch völlig verfilztes Fell und deformierte Vorderfüße. Er war offenbar schon sein ganzes, kurzes Leben gefesselt gewesen, denn seine Vorderfesseln standen dicht beieinander, die Hufe zeigten auswärts. Ein leichter Bockhuf, offenbar aus Bewegungsmangel, war schon zu erkennen. Ich lieh mir von Isabel, der Chefin von Pegasus, eine Schermaschine, und schor ihn. Mit der Rosenschere beschnitt ich seine winzigen Hufe. Trotzdem wurden die Bockhufe schlimmer. Später lernte ich dann, dass Bockhufe entstehen, wenn ein Knochen schneller wächst als die dazugehörigen Sehnen. Das schnelle Wachstum wird durch gutes Futter und Sonneneinstrahlung gefördert. Und ich war so stolz, wie schnell Lucas sich entwickelte! Im Nachhinein hätte ich ihn weiter auf Diät lassen müssen, in einem dunklem Stall, und ihn viel auf Asphalt, den es damals aber weit und breit nicht gab, führen müssen. Nun, trotz der krummen Füße ist Lucas ein munteres, bewegungsfreudiges Tier geworden.

Im Sommer kam meine Familie zu Besuch. Wir bauten gemeinsam ein Badehäuschen, einen Zaun um den Garten herum, diverse Steinwälle und einen Stall für Penny und Lucas. Tagsüber mussten die beiden aber immer noch an langen Seilen angebunden weiden. Rechts liegt Lucas vor dem neuen Badehäuschen aus günem Blech mit Holzanbau für die Tiere.

 

Lucas in Lebensgefahr

Eines Abends kam ich von der Arbeit heim und traf Florinda, eine Nachbarin bei mir an, die sagte, dass meine Ziege tot sei. Aufgeregt und ungläubig lief ich zur Weide, tatsächlich, da lag Penny, total zerbissen, und Lucas stand zwar noch, war aber auch reichlich angenagt. Florinda sagte, die habe gesehen, welche Hunde das waren, es waren keine wilden, sondern sie hatten Besitzer, waren aber berüchtigt für solche Massaker. Auch Raul vom nächsten Berg hatte die Hunde gesehen, er war gleich mit seinem Laster losgefahren, um zu helfen, konnte aber nur noch Lucas beschützen. Ich habe dann Lucas zum Haus geholt und seine Wunden verarztet, sie waren nicht so schlimm, trotzdem war der Esel ganz fertig. Mit Florinda lief ich dann nach Colinas Verdes, wo die Hundebesitzer wohnten. Der erste Hundebesitzer, ein Brasilianer, dem 2 der Hunde gehörten, war sofort bereit, für die tote Ziege zu zahlen, wollte aber den Kadaver mitnehmen. Er hatte ein Restaurant, ob das wohl was damit zu tun hatte? Die Besitzerin des 3. Hundes, eine Engländerin, behauptete, ihr Hund sei den ganzen Tag zu Hause gewesen, man konnte aber den Hund durch eine halboffene Tür blutverschmiert auf einem guten Teppich liegen sehen. Ich fragte die Frau also ganz unschuldigt, ob ihr Hund denn immer so blutverschmiert auf dem Teppich säße? Schließlich willigte die Frau ein, auch einen Anteil der Ziege zu zahlen. Von der Entschädigung kaufte ich mir dann 2 Ziegenbabies, Calimba und Tombi, die ich mit der Flasche groß zog. Lucas war für sie Beschützer, Spielkamerad, Kletterfelsen und Wärmekissen.

Überhaupt war Lucas ganz reizend: er war sehr verschmust und verspielt.

Mit Makeba vertrug er sich bestens. Er lernte, wie ein Hund zu spielen, indem er Makeba jagte oder sich von ihr jagen ließ, oder mit ihr um die Wette an einem Stöckchen zu zerren. Einmal "fanden" die beiden im Garten meine Luftmatratze, das war dann eine Weile ihr Lieblingsspielzeug. Sie zerrten solange daran herum, bis 2 Hälften übrig blieben. Muss ich noch sagen, dass die Luftmatratze nach der 1. "Behandlung" nicht mehr luftdicht war?

 

 

Der neue Stall, im Hintergrund durch die Gittertür sieht man Penny.

 
Im ersten Jahr war Lucas schwarzbraun, er hatte nur weiße Ringe um die Augen und eine weiße Nase. Dann wurde sein Bauch von Jahr zu Jahr heller. Erst war er nur weiß gestichelt, doch in den letzten Jahren war sein Bauch richtig weiß, so dass man es von der Seite gut sehen konnte, und die weiße Stelle wuchs langsam die Vorderseite seines Halses herauf. Auch unter den Backen wurde er heller. Ich wartete schon darauf, dass der weiße Bauch über den Hals mit dem weißen Kinn zusammenwachsen würde, aber so alt wurde Lucas leider nicht....

 

Lucas, der Streuner:

Lucas war auch sehr abenteuerlustig. Wenn er irgendwie konnte (und er konnte oft!), machte er sich los und ging auf Erkundigungstour. Oft fand ich ihn nach langem Suchen mit Makebas Hilfe unter einem schattigen Baum beim grasen, oder ein Nachbar kam und verkündete, er habe ein wildes, schwarzes Monster in seinem Garten, in seinem Kuhstall, in seiner Küche .... Lucas schien vor nichts Angst zu haben. Er untersuchte den Bagger, der einen Weg schieben sollte, ganz von nahem, scheute nie vor Autos und ging allein kilometerweit wandern.

Eines Abends kam ich von der Arbeit und Lucas war mal wieder weg. Als erstes ging ich zu meinen damals einzigen Nachbarn auf Monte Alto, der Familie Martins, die einige hundert Meter entfernt wohnte und ein für Lucas sehr interessantes Maultier hatte. Da wollte ich eigentlich nach dem Esel fragen, doch die begrüßten mich fröhlich, sie hätten gerade das erste Fass Wein angestochen, ob ich auch mittrinken wolle. Na ja, man will ja nicht unhöflich sein..... nach einigen Gläsern Wein meinte Frau Martins, das selbstgebackene Brot sei nun fertig, und ein Fass eingesalzenen Speck habe man auch, ich könne gerne mitessen. Nun, der Abend wurde fröhlicher, mein Anliegen hatte ich immer noch nicht geäußert. Immer mehr Leute kanmen hinzu und feierten mit.

Schließlich, es war wohl gegen 23 Uhr, kam ein Moped müde heulend den Berg hinauf. Der Fahrer wurde ebenfalls freundlich begrüßt und zum mitfeiern aufgefordert. Nach einigen vielen Gläsern Wein erzählte er dann, er habe einen wilden, schwarzen Esel gefangen und in seinem Hof angebunden, ob wohl jemand einen Esel vermisse? Nun ja, stimmt, deshalb war ich ja eigentlich vor vielen Stunden losgelaufen, also beschloss ich, mit dem Mann mitzufahren. Er sagte, er wohne ganz in der Nähe. Inzwischen war er zwar reichlich angetütert, ich nicht minder, aber wenn's ganz nah war, ok! Dann gondelte er mit mir (natürlich ohne Helm) hinten drauf in wilden Schlangenlinien den Berg hinunter, auf die Barragem-Straße, wo er ordentlich Gas gab, offenbar, damit das Moped nicht so schlingerte. Wir waren schon viele Kilometer gefahren und ich zweifelte ernsthaft, ob mein winiziger Lucas mit den krummen Füßen so weit gelaufen sein könnte, da fuhr er bei Cotifo (rund 6 km entfernt) in einen Hof, und siehe da, wer stand denn da, an einem Strommast angebunden? Mein Lucas, der mich fröhlich trompetend begrüßte! Sein Halfter hatte er noch an, auch der Anbindestrick hing noch dran, so dass ich ihn leicht führen konnte. Ich bedankte mich bei dem Bauern, ergriff meinen Esel und marschierte los. Der Heimweg war lang und mühsam, aber immerhin half der lange Marsch mir, den Alkohol abzubauen! Auch meine 2. Geburtstagsparty auf Monte Alto begann damit, dass die ganze Geburtstagsgesellschaft erst mal auf Eselsjagd ging. Lucas hatte eben einen unfehlbaren Sinn für Timing!

Lucas, der Flegel:

Mit etwas über einem Jahr kam Lucas in die Pubertät. Weggelaufen war er ja schon immer gerne, aber nun wurde er frech. Es fing damit an, dass er mich biss. Nicht so ein kleines Zwicken, wie auch junge Pferde das machen. Nein, eines Morgens, als ich ihm sein geliebtes blaues Eimerchen mit dem Futter an den Stall brachte, nahm er anstatt des Futters meinen Bauch zwischen die Zähne, biss zu und ließ nicht mehr los, er drehte sogar noch den Kopf dabei. Ich dachte, er ist unter die Fleischfresser gegangen und reißt ein Stück raus! Erst haute ich ihm mit dem Eimer auf den Kopf, als das nicht half, stecke ich einen Finger in seine Nüster und riss ihn daran hoch, so dass er von mir ablassen musste. Danach war er wie immer. Aber auch mit Makeba wurde er immer grober. Schließlich wollte der Hund nicht mehr mit ihm spielen, die Ziegen sowieso nicht mehr, denn inzwischen versuchte der geile Jüngling, sie zu decken. Ich versuchte, ihn durch Arbeit abzulenken, aber man kann ein Tier mit so krummen Füßen ja nicht viel longieren, zum ziehen oder reiten war er zu jung. Ein bisschen Gewicht sollte er aber tragen lernen.

Als ich meinem damaligen Freund Peter von diesen Überlegungen erzählte, sagte er, kein Problem, machen wir gleich, ging zu Lucas hin und legte ein Bein über seinen Rücken. Peter war sehr groß und entsprechend schwer, so dass Lucas nun unter ihm stand, ohne sein Gewicht zu tragen. Wenn er brav war, musste er nicht tragen, versuchte er aber, zu bocken oder auszuweichen, beugte Peter einfach die Knie ein wenig. So marschierten die beiden durch die Gegend und Lucas war innerhalb von Minuten als eingeritten zu betrachten. Die beiden haben dann öfters geübt, aber Lucas hatte das System verstanden. Er hat nie auch nur versucht, jemanden abzuwerfen. Aber die leidliche Geilheit blieb bestehen. Auch ich durfte ihm nie den Rücken zudrehen, er nutzte jede Chance, aufzuspringen. Einmal kam ein Besucher, Pedro, der seinen Jeep in der Nähe von Lucas parkte. Lucas, wie ein richtiger Junge, wollte natürlich das Auto inspizieren, verhedderte sich dabei aber mit seinem langen Seil im Kuhfänger des Jeeps. Pedro bückte sich, um ihn zu befreien, und wurde sofort "gedeckt"! So ging das nicht weiter!

Die Kastration:

Also musste Lucas kastriert werden. Ich erkundigte mich also erst mal im Dorf. Mir wurde ein Schmied angetragen, der das angeblich schnell und billig machte, und der Zigeuner, der die Esel schert, sollte wohl auch recht günstig sein. Die Rede war von Abbinden, zwei Ziegelsteinen und ähnlichen Foltermethoden. Als ich was von Tierarzt, Narkose und richtiger OP murmelte, wurde ich ausgelacht, der Esel sei doch nix wert, da wolle ich doch wohl kein Geld ausgeben!

Schließlich bat ich einen alten, englischen Tierarzt, der schon in Casa Pegasus für uns Hengste kastriert hatte. Der hatte zwar noch nie einen Esel kastriert, aber das war wohl kaum anders als bei Pferden, oder? Also kam David an einem regnerischen Vormittag. Da der Stall noch kein Dach hatte, hatte ich eine Plane über die Wände gehängt, als Windschutz hatte ich Strohballen aufgeschichtet. David gab also Lucas die Narkose. Der Esel fiel um wie ein Stein. Die Kastration ging sehr schnell. Dann kriegte Lucas noch eine Hallo-Wach-Spritze und sprang wieder auf. Der Tierarzt wurde bezahlt und verschwand.

Lucas sah ganz munter aus, also ging ich kochen, da es inzwischen Mittagszeit war. Zwischendrin ging ich nochmal nach Lucas sehen, Gott sei Dank! Der hing ohnmächtig über einem Strohballen, die Zunge war blau und quoll aus seinem Maul. Offenbar hatte er wieder einen Fluchtversuch unternommen, war dabei mit dem Hals gegen den Strohballen gefallen und hatte sich halb erwürgt. Ich kippte ihn unter größter Mühe um, so dass er seitlich im Stroh lag. Er war so schlaff, dass eines seiner Vorderbeine unter seinen Leib geriet, was im wachen Zustand unmöglich ist. Das wurschtelte ich dann auch noch heraus. Schnell kam Lucas wieder zu sich und stand auf. Dann merkte ich aber, dass die ganze Box voller Blut war. Es lief in Strömen aus der Wunde. Und Lucas gab keine Ruhe. Ich band ihn also erst mal an, damit er nicht wieder versuchen konnte, wegzulaufen. Dann machte ich frisches Stroh. Damals hatte ich noch kein Telefon, also fuhr ich ins Dorf, um den Tierarzt anzurufen. Er meinte, es wäre alles normal, er käme nicht nochmal. Nun, bei Pferden hatte ich sowas noch nie erlebt. Also fuhr ich zurück und blieb bei Lucas, der ein seltsames Verhalten zeigte: er wandte sich nach links, ging die 2 Schritte bis zum Ende des Seils, drehte, ging 2 Schritte nach rechts bis zum Ende, drehte ...... und das Blut lief und tropfte. Ab und zu machte ich ihm ein frisches Bett. Das Blut wurde langsam weniger. Nach 5 Stunden wurde er endlich ruhiger. Das Bluten hatte aufgehört und Lucas legte sich endlich hin.

Später erfuhr ich von einem anderen, sehr guten englischen Tierarzt, dass man Esel nähen oder gut abklemmen muss, bei denen ist der Hoden sehr viel mehr durchblutet als bei Pferden. Auch können Esel nicht alle Narkosen, die für Pferde gebraucht werden, vertragen. Er führte Lucas seltsames Verhalten nach der OP auf eine falsche Narkose zurück. Er meinte, wir hätten nochmal Glück gehabt, der Esel hätte gut sterben können!

Lucas, der Lebensretter:

Inzwischen hatte ich ja schon Tallinn und Aladin. Als Aladin abgesetzt wurde, lebte er mit Lucas zusammen, Tallinn mit den Ziegen. Zuerst war der kleine Esel noch Chef. Eines Morgens, kurz nach dem Absetzten, als Aladin noch sehr zur Mutter hinzog, führte ich Tallinn auf eine entfernte Weide. Irgendwie schaffte Aladin es, hinterher zu kommen. Meine Mutter, die gerade im Schlafanzug aus ihrem Wohnwagen kam, sah das und führte Aladin wieder zurück. Ich ging mit Tallinn weiter und bekam den Rest erst mal nicht mit: meine Mutter, der nicht klar war, dass Aladin unter Lucas in der Rangordnung stand, versuchte, das Fohlen am Esel vorbei in die Koppel zu führen, was der Esel offenbar nicht erlaubte. Aladin scheute also und riss meine Mutter um, die ihm dann an die Beine plumperte, was ihn noch mehr verwirrte, also raste er los. Meine Mutter hatte aber sein Führseil, um das Tor leichter zu öffnen, um ihren Unterarm gelegt. Die Schlingen zogen sich zu und sie wurde mit geschleift. Nach rund 200 m, mehreren Tritten an diverse Körperstellen, Schlägen von groben Steinen, die aus dem Boden ragten, Dornengestrüpp und der trockenen Erde (es war Sommer), hörte meine Mutter Lucas trompeten. Der Kleine war offenbar durch das noch offenstehende Tor gekommen und verfolgte nun seinen Freund mit Gebrüll. Aladin hörte das und blieb stehen. Meine Mutter konnte nur schnell das Seil abwickeln, dann sackte sie zusammen. Als wir sie fanden, war der ganze Schlafanzug und ihre Haut rundum abgeschürft, sie hatte mehrere schlimme Prellungen und war im Schock. Sie war wochenlang krank, bestand aber von vorneherein darauf, dass Lucas ihr das Leben gerettet hatte. Wahrscheinlich war das so, denn etwa 20 m weiter hätte Aladin durch einen Engpass mit großen Felsen gemusst, das hätte meine Mutter sicher nicht überstanden!

Lucas, der Fohlentrainer:

Wenn ich mit der ganzen Horde weiden ging, musste Lucas als Einziger angebunden werden, da er sich von den Hunden, Makeba und Samson, nicht zurücktreiben ließ. Trotzdem spielte er viel mit dem kleinen Aladin und Wotan, dem Ziegenbock. Auf der Koppel waren die 3 Herren dicke Freunde und wenn Lucas sich draußen losmachen konnte, was er immer noch gerne tat, machten die 3 sich auf und davon. Wotan sollte ja eigentlich seine Ziegen und die Zicklein beschützen, aber die Herrenrunde war ihm wichtiger. Als Wotan dann verkauft wurde, um nicht seine eigenen Töchter zu decken, wuchsen Lucas und Aladin noch enger zusammen. Erst als Aladin 2 Jahre alt war, merkte er, dass Lucas ihm unterlegen war, bis dahin blieb Lucas Chef. Auch alle weiteren Fohlen, Aladins Bruder Califa, Belindas Fohlen Zagal und der kleine Sharif hatten Lucas als ersten Freund. Das war ideal, besonders, da Esel viel neugieriger sind und weniger schreckhaft als Pferde, so können sie eine Fohlengruppe beruhigen und an neues gewöhnen. Erst, als die jungen Hengste zu wild und zu stark wurden, musste Lucas eine andere Aufgabe bekommen, und die bot sich auch schon an:

Lucas, der Bezwinger des Monsters:

Eine Reitschülerin von mir, Nadine, hatte ein Pflegepferd, mit dem sie nicht klarkam. Piccolo, ein junger Hengst, kam nicht nur aus schlechterster Haltung zu ihr, er hatte auch keinerlei Manieren. Die Besitzer des Pferdes hatten auch schon versucht, das Pferd zu verkaufen, was aber nicht gelangt, da er inzwischen so gefährlich war, dass selbst die Pferdehändler der Zigeuner ihn nicht wollten. Auch nicht zum Schlachtpreis, da sie nicht wussten, wie sie ihn zum Schlachthof transportieren sollten. Man bedenke, dass das Monster damals ein Stockmaß von 1,40 m hatte und völlig mickrig war! Also bekam ich ihn für den Spottpreis von 250 DM. Die ersten 3 Wochen prügelten wir uns täglich. Ich hatte noch nie ein Pferd erlebt, das sofort angriff, sobald man nur auf seine Koppel kam, ja, das sogar Menschen jenseits der Zäune anzugreifen versuchte. Ich ging also täglich mehrmals über die Koppel, mit einem Stock bewaffnet, und wehrte mich nur, wenn er angriff. Schnell lernte er, dass ich friedlich blieb, wenn er es auch war. Dann näherte er sich. Einmal drehte er mir den Hintern zu, drohte aber nicht. Mit einer Heidenangst um meine Kniescheiben machte ich noch einen Schritt auf ihn zu und fing ganz vorsichtig an, ihn auf der Kruppe zu kraulen. Das war der Durchbruch. Nun kam er immer an, drehte mir den Hintern zu und wollte gekrault werden. Nach einigen Tagen konnte ich mich nach vorne pirschen. Sobald ich ihn ergreifen konnte, wurde er geimpft und dann auch schnell kastriert. Dann sollte er eigentlich zu den anderen. Die 4 jungen Hengste standen damals zusammen und waren eine eingeschweißte Herde. Da konnte doch wohl so ein Mickermännlein nix vermelden, oder? Von wegen, in wenigen Stunden hatte Pico, wie ich ihn nun nannte, die 3 jungen Hengste windelweich geschlagen, nur an Aladin biss er sich die Zähne aus. Aber er gab nicht auf. Nach 9 (!!!) Stunden Kampf konnte ich endlich Aladin ergreifen und aus der Koppel holen. Pico blutete aus vielen Wunden, auch die Kastrationsnarbe war wieder offen, aber er gab sich nicht geschlagen. Also musste er wieder alleine stehen. Lucas stand eigentlich bei den Stuten, damit aber Pico wenigstens ein wenig Ansprache hatte, band ich Lucas immer in seiner Nähe fest. Und dann passierte das Wunder: Pico wendete sich Lucas zu, steckte seinen Kopf durch den damals ganz neuen Elektrozaun und wollte Lucas' Nase berühren. Dabei kam er aber mit den Ohren an den Zaun...... und glaubte fortan, dass Lucas magische Kräfte hätte! Schon bald konnten Lucas und Pico zusammen auf der Koppel stehen, ohne dass dem Kleinen was geschah, im Gegenteil, Lucas bliebt noch lange Chef über Pico. Pico lernte dann zwar, dass ein E-Zaun nichts mit Lucas zu tun hat, aber der Respekt blieb, bis Pico genug Sozialverhalten gelernt hatte, um sich normal in die Herde zu integrieren. Als dann alle "Burlis" zusammen standen, musste Lucas wieder eine neue Aufgabe finden, denn in der Hengstgruppe wurde er immer noch zu sehr malträtiert, obwohl ich so nach und nach alle kastrieren ließ. Also wurde er:

 Lucas, der Stutenbeschützer

was er auch bis an das Ende seiner Tage blieb. Hier "beschützt" er gerade seine geliebte Tallinn. Als die alte Belinda, die 32 wurde, noch lebte, hat er auch sie liebevoll behütet. Quentin, der nach 3 Jahren Boxenhaltung mit leicht angeknackstem Sozialverhalten hierher kam, wurde von Lucas in die Gruppe integriert. Quentin spielte so vorsichtig mit dem Kleinen, dass er, obwohl er beschlagen war, ihm nie weh tat. Und Zita, die ja als Absetzter kam, hatte ihn zum 1. Freund.

 

 

Hier spiele ich mit Lucas und seiner alten Freundin Belinda.

 

 

 

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